Sozial- und Integrationsminister Manne Lucha (links) und Landrat Thomas Reinhardt standen der Moderatorin Ulrike Bauer (Führungsakademie Baden-Württemberg) und den Teilnehmern des kommunalen Flüchtlingsdialogs Rede und Antwort.

Gelebte Integration

Die Frage, wie die Teilhabe der derzeit fast 1100 anerkannten Flüchtlinge und weiterer Personen mit Bleibeperspektive im Landkreis Heidenheim unterstützt werden kann, stand  im Mittelpunkt des kommunalen Flüchtlingsdialogs, den das Landratsamt mit finanzieller Unterstützung des Landes Baden-Württemberg im Rahmen des Programms „Flüchtlingshilfe durch Bürgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft“ und der Hanns-Voith-Stiftung am Samstag, 18.Februar in Heidenheim veranstaltete. Im Begegnungszentrum Migration und Ehrenamt, der früheren Waldkirche, hob Sozial- und Integrationsminister Manne Lucha die Bedeutung der kommunalen Flüchtlingsdialoge für die Integration hervor: „Eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein gelingendes Zusammenleben aller ist, dass wir miteinander sprechen und nicht übereinander. Hier vor Ort, in den Kommunen und Landkreisen, wird Integration gelebt. Hier stellen sich daher auch die konkreten Herausforderungen, wenn es um Fragen des Zusammenlebens geht. Deshalb fördert das Land die kommunalen Flüchtlingsdialoge. Durch sie werden die Bürger in Fragen der Unterbringung und Integration der Geflüchteten einbezogen und es kann ein konstruktives Gespräch stattfinden. Gerade bei kritischen Themen ist es nur im Dialog möglich, eine gemeinsame Lösung zu finden.“

Noch vor rund einem Jahr stand die Landkreisverwaltung Heidenheim vor der Mammutaufgabe, die gestiegene Zahl der neu ankommenden Flüchtlinge im Landkreis Heidenheim unterzubringen und zu versorgen. Zwischenzeitlich sind die Zuweisungszahlen fast auf null gesunken und das Landratsamt hat in seiner Arbeit im Bereich Asyl längst einen neuen Schwerpunkt gesetzt: die Integration der Geflüchteten, die in Deutschland bleiben.

„Wir wollen klären, wie Stolpersteine auf dem Weg zur Integration, auf dem Weg zu Arbeit und Freunden, letztlich also auf dem Weg zur gesellschaftlichen Teilhabe, beseitigt werden können“, so Landrat Thomas Reinhardt bei der Begrüßung der zahlreichen Teilnehmer aus dem Kreis der Ehrenamtlichen und der Geflüchteten, aus der Politik und aus den Kommunen, aus der Arbeitsverwaltung, von Institutionen, Wohlfahrtsverbänden, Vereinen und Bildungsträgern. Wie Reinhardt betonte, solle somit gleichzeitig ein Zeichen gegen Ausgrenzung und Stigmatisierung gesetzt werden.

„Die verabscheuungswürdigen Taten einzelner dürfen nicht zu einer pauschalen Verurteilung aller Fremden führen. Statt Hetze und Hass, statt lauter Provokationen und Scharfmacherei brauchen wir ein faires und menschliches Miteinander“, forderte der Landrat. Durch Stimmungsmacherei werde Integration effektiv verhindert – „die Folge wäre, dass die Frauen, Männer und Kinder mit Bleiberecht oder -perspektive allein gelassen werden, was nur zu Isolation, Arbeitslosigkeit und Parallelgesellschaften führen kann“, so Reinhardt. Dementsprechend sei es eine politische wie gesellschaftliche Pflicht, Integration zu unterstützen. In die Pflicht nimmt Reinhardt dabei auch die Geflüchteten, um ein Zusammenleben „auf Basis unserer Werte und der im Grundgesetz verbrieften Rechte, insbesondere die Anerkennung unserer Rechtsstaatlichkeit, Gewaltverzicht und gelebte Gleichberechtigung von Mann und Frau“ zu erreichen.

Wie der Landrat betonte, sei im Landkreis Heidenheim schon ein stabiles Fundament zur Integration der Geflüchteten errichtet worden. Beispielhaft nannte er die Einrichtung des Integrationszentrums Heidenheim im Sommer 2016, die Arbeit des Bildungskoordinators und des Integrationsbeauftragten des Landkreises und die Eröffnung des Begegnungszentrums Migration und Ehrenamt in der ehemaligen Waldkirche im Oktober 2016 durch das Landratsamt. Besonders würdigte der Landrat sowohl mit Blick auf die Erstbetreuung der Flüchtlinge in der Vergangenheit als auch auf die nun folgende Integrationsarbeit das immense Engagement der zahlreichen Ehrenamtlichen im Landkreis Heidenheim.

Auch für Prof. Dr. Sigrid Kallfaß, Steinbeis-Zentren Sozialplanung, Qualifizierung und Innovation, stand die Bedeutung der Integration der Geflüchteten außer Frage. Gleichzeitig hob sie den Wert des Ehrenamts hervor, das ebenfalls bestmöglich in seinem Engagement unterstützt werden müsse. Wo der Schuh drückt und wo die Geflüchteten selbst Handlungsbedarf sehen, schilderte Dr. Agop Vartan aus Syrien, der im September 2015 nach Deutschland kam und zwischenzeitlich als Flüchtling anerkannt ist. Das Wichtigste für die Integration sei die Sprache. „Deshalb war auch für mich das erste Ziel, deutsch zu lernen. Anschließend eine Aufenthaltserlaubnis zu erhalten und dann eine Wohnung zu finden, was nicht ganz leicht war aber mit Unterstützung von Freunden gelang. Auch eine eigene Wohnung hilft bei der Integration“, so Vartan.

 

Den Schwerpunkt der Veranstaltung bildeten die Workshops zu den Themen Berufsausbildung & Arbeit, Sprache & Bildung, Förderung gesellschaftlicher Teilhabe, Wohnen & Zusammenleben sowie Frauen & Jugend. Die Teilnehmer des Flüchtlingsdialogs erfassten in den Gruppen nicht nur die gegenwärtige Situation und die Herausforderungen in diesen Bereichen, sondern entwickelten auch Visionen für das Jahr 2025. Wie bei der Ergebnispräsentation deutlich wurde, lassen sich Spracherwerb und Teilhabe – sei es in privater oder in beruflicher Sicht – nicht voneinender trennen. Dementsprechend brachten gleich mehrere Gruppen Ideen für eine noch umfassendere Unterstützung der Geflüchteten beim Deutsch lernen und für die Ausweitung des Sprachlernangebots. Beispiele hierfür waren etwa Sprachkurse mit parallel stattfindender Kinderbetreuung, eine bessere finanzielle Unterstützung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zur Ausweitung des Kursangebots auch im ländlichen Raum, weitere Veranstaltungen um Geflüchtete und Einheimische gezielt zusammenzubringen und den Austausch zu unterstützen sowie das Angebot des dualen Spracherwerbs. Gemeint war damit etwa das Angebot von Sprachkursen am Vormittag und der regelmäßige Besuch eines Betriebs als Art Hospitation am Nachmittag, um deutsche Arbeitsabläufe kennenzulernen und in der Praxis deutsch zu lernen. Darüber hinaus plädierten die Teilnehmer für flexiblere Einstiegsmöglichkeiten im beruflichen Bereich, die etwa  einen raschen Start ins Arbeitsleben mit darauf folgender begleitender Qualifizierungen verbinden.

Die Ergebnisse der Veranstaltung sollen zum einen in die Flüchtlingsarbeit im Kreis einfließen, zum anderen in ein Integrationskonzept des Landkreises Heidenheim aufgenommen werden, betonte Erster Landesbeamter Peter Polta. Neben einem Integrationskonzept plant der Landkreis Heidenheim – als erste Kommune in Baden-Württemberg – eine Integreat-App als mobilen mehrsprachigen Alltagsguide für Geflüchtete, die ab Sommer nutzbar sein soll. Auch bei diesem Projekt arbeitet das Landratsamt mit externen Akteuren zusammen. „Die Integration der Geflüchteten, die bei uns bleiben dürfen, ist eine riesen Aufgabe, die wir nur gemeinsam stemmen können und ich bin dankbar dafür, dass wir im Landkreis Heidenheim bei so vielen Projekten auf dieses Miteinander setzen können“, so Landrat Reinhardt, der an die zahlreichen Teilnehmer des Flüchtlingsdialogs gewandt betonte: „Wir sind eine offene und vielfältige Gesellschaft – doch erst Engagement wie das Ihre macht es möglich, dass auch ein vielfältiges Wir gelebt wird.“

 

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